Wohler Anzeiger: Das Wunderkind

Das Wunderkind Handball: Die 17-jährige Freiämterin Daphne Gautschi setzt ihre eindrückliche Geschichte in der Champions League fort

Sie ist mit Abstand das grösste Talent im Schweizer Handball: Daphne Gautschi. Die 1,73 m grosse Murianerin mit Wurzeln in Wohlen erzielte vor wenigen Tagen ihr erstes Tor in der Champions League. Die Gegnerinnen waren 1,90 m gross – trotzdem besticht Daphne mit jugendlicher Unbekümmertheit.

Stefan Sprenger

4500 tobende Zuschauer. Metz Handball spielt zu Hause gegen den deutschen Meister Bietigheim in der Champions League. Mittendrin: die Freiämterin Daphne Gautschi. Die 17-Jährige trainierte in den Tagen vor diesem Spiel zum ersten Mal mit der Profimannschaft. Dann wurde die Rückraumspielerin überraschend für das Champions-League-Spiel aufgeboten. «Es war die krasseste Woche meines Lebens», sagt die junge Handballerin.

Eine Täuschung und der Ball sitzt im Winkel

Kurz vor Schluss der Partie kommt Gautschi aufs Parkett. «Ich habe eigentlich nicht an einen Einsatz geglaubt », sagt sie. Sie sagt einen Spielzug an. «Ich war sehr nervös.» Gautschi macht eine Täuschung, setzt zum Sprungwurf an und knallt den Ball in den Winkel. Sie schiesst dabei an einer Verteidigerin vorbei, die 1,90 m gross ist. 4500 Zuschauer jubeln. «Ich dachte mir einfach: Geh hin und mach das Tor. Und das habe ich dann auch gemacht», sagt sie lächelnd. Am Ende siegt Metz 27:21. Es ist das aktuellste Kapitel des Handball-Wunderkindes Daphne Gautschi. Sie ist in Muri aufgewachsen. Ihr Vater heisst Heinz Gautschi und ist Murianer. Ihre Mutter Monica Bergamaschi stammt aus Wohlen, wo sie früher auch eine Zeit lang Handball spielte. Ihre Grossmutter Marianne und Onkel Crispino Bergamaschi leben nach wie vor in Wohlen. Ihr Bruder Noah spielt beim TV Muri im Herren «Eis». Und die jüngere Schwester spielt in Wohlen Handball.

Daphne Gautschi begann als 10-Jährige mit dem Handball beim TV Muri. «Angefangen hat alles mit einem Handballcamp», sagt sie. Den Sport mochte sie schon immer, auch weil ihr Cousin Severin Ramseier in der NLA spielt. Er ist ein Teamkollege des Wohlers Luca Spengler beim HC Kriens.

Als Elfjährige in die 2. Liga aufgestiegen

Mit 11 Jahren (!) stieg sie mit der Murianer Frauenmannschaft von der 3. in die 2. Liga auf. Damals spielte sie noch am Flügel. Mit 15 Jahren wechselte sie zum LK Zug in den Nachwuchs. Wenig später erkannte man ihr gigantisches Potenzial und sie wurde in der Nationalliga A eingesetzt. Dort wurde sie bereits mit 16 Jahren zur Leistungsträgerin. Ihr kometenhafter Aufstieg ging weiter. Sie bekam ein Angebot von Metz Handball. In diesem Sommer wechselte sie nach Frankreich. Dort spielt sie regelmässig in der zweiten Mannschaft. «Mein Ziel ist es, in der ersten Mannschaft Fuss zu fassen», sagt sie. Spannender Fakt: Im Gegensatz zur Schweiz gibt es in Frankreich ausschliesslich Profihandballerinnen, die ihren Lebensunterhalt mit der harzigen Kugel verdienen. «Alles ist professioneller als in der Schweiz», sagt Gautschi. Neben dem Handball ist sie am Internat in Metz. «Es herrschen etwas militärische Bedingungen», sagt Gautschi. Die Schüler dürfen sich beispielsweise erst setzen, wenn der Lehrer es ihnen erlaubt. «Und wir sind 36 Leute in der Klasse, was man sich hier in der Schweiz nicht vorstellen könnte.» Für die junge Frau ist es schwierig, das ganze Leben auf Französisch zu meistern. «Sprechen geht, schreiben ist schwieriger», sagt Gautschi, deren bestes Fach in der Schule Französisch war.

Unterstützung von Familie und «Entdecker» Thomas Huber

Sie kriegt von ihrem Verein vieles bezahlt. Internat, Verpflegung, Zimmer, Spesen. Es sind also perfekte Voraussetzungen für die optimale Förderung ihres Talents. Apropos Förderung: Dass Gautschi überhaupt so weit gekommen ist, hat sie Thomas Huber zu verdanken. Der Handballtrainer entdeckte ihr Talent in Muri und hat sie später nach Zug transferiert. «Er hat mir sehr viel gegeben und ich bin ihm sehr dankbar», so Gautschi. Auch die Unterstützung durch die Familie sei «grossartig». Ihre Familie war auch bei ihrem ersten Champions-League-Einsatz vor Ort. «Das ist unheimlich schön.»

Zwischen Handball und Internat

Ihr Alltag besteht grösstenteils aus Handball. Fünf bis sieben Trainings pro Woche, zusätzlich Krafttraining – plus mindestens ein Spiel. «Und das Niveau ist um einiges härter als vorher in der Schweiz.» Dazu muss sie viel lernen für das Internat. Und: Sie kocht selber. «Ich werde eine Selbstversorgerin », sagt sie und muss dabei laut lachen. Das alles unter einen Hut zu bringen ist nicht einfach für eine 17-Jährige. «Ach. Das geht schon. Organisatorisch ist es manchmal schwierig. Aber Handball ist mein Leben. Ich mache das gerne.» Andere Mädchen in ihrem Alter gehen in den Ausgang, machen Party. Vermisst sie das nicht? «Meine Party ist die Champions League im Handball.» Sie hat in Frankreich einen Vertrag bis im Sommer 2019. Dann hat sie die Schule auch abgeschlossen und kann beginnen zu studieren. «Vielleicht werde ich Jus studieren.» In diesen Tagen war Gautschi mal wieder zu Hause in Muri. In ihrer Heimat, die sie in Metz oftmals vermisst. Doch lange war die handballerische Weltenbummlerin nicht im Klosterdorf. Sie ist momentan mit der Schweizer A-Nationalmannschaft an einem Vierländerturnier in Tschechien unterwegs. In der A-Nati feierte sie auch vor wenigen Monaten ihr Debüt. Daphne Gautschi, ein Handball- Wunderkind aus Muri, das bislang den perfekten Karriereverlauf erlebte. Was hat die junge Handballerin, die mit ihrer Unbekümmertheit fasziniert, für Ziele in der Zukunft? «Mit der Nati an ein grosses Turnier. Und natürlich möchte ich in die erste Mannschaft von Metz – und Profispielerin werden. Aber ich mache mir da keinen Stress, das kommt schon gut.»

Impressionen von Léon Gautschi